Im Dezember 2025 beschloss der Bundestag das sogenannte Wehrdienstmodernisierungsgesetz, das seit 1. Januar 2026 in Kraft ist. Das Gesetz zur Einführung eines neuen Wehrdienstes setzt vorerst auf Freiwilligkeit, aber auch auf eine verpflichtende Musterung für Männer ab dem Geburtsjahr 2008. Die Debatte um den Neuen Wehrdienst, insbesondere die Frage, ob auch wieder ein Wehrpflichtdienst eingeführt werden könnte, beschäftigte das Deutsche Rote Kreuz im Jahr 2025. Ein Interview aus dem Jahrbuch 2025 des DRK-Landesverbands Brandenburg e.V. zu den wichtigsten Fragen mit Kristina Valente, Teamleiterin Freiwilligendienste im DRK-Landesverband Brandenburg e.V.
Frage: Warum braucht es eine zivile Entsprechung zum Neuen Wehrdienst?
Kristina Valente: Positiv ist zunächst, dass das Gesetz zum Neuen Wehrdienst auf Freiwilligkeit setzt. Das stärkt die Entscheidungsfreiheit junger Menschen, was wir beim Roten Kreuz und gerade bei den Freiwilligendiensten sehr unterstützen. Gleichzeitig braucht es aus Sicht des DRK aber eine gleichwertige zivile Option. Unsere Gesellschaft steht im Bevölkerungsschutz ebenso wie im sozialen Bereich vor enormen Herausforderungen. Wenn wir als Gesellschaft resilienter werden wollen, brauchen wir vor allem starke zivile Strukturen. Freiwilligendienste leisten hier seit Jahren einen enormen Beitrag: Sie fördern Zusammenhalt und stärken das Bewusstsein für demokratische Werte. Sie ermöglichen jungen Menschen, Selbstwirksamkeit zu erfahren und Verantwortung zu übernehmen – für sich, für andere, darunter besonders vulnerable Menschen, und für die Gesamtgesellschaft.
Ein Freiwilligendienst darf nicht als zweite Wahl wahrgenommen werden, sondern muss eine gleichwertige und attraktive Alternative zum Wehrdienst sein. Genau deshalb haben wir uns als DRK dafür eingesetzt, dass im Fragebogen zum Wehrdienst auch die Bereitschaft zu einem Freiwilligendienst abgefragt wird. Leider wurde das bislang nicht umgesetzt.
Was macht die Freiwilligendienste so wertvoll?
Kristina Valente: Mit dem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) und dem Bundesfreiwilligendienst (BFD) bieten wir jungen Menschen in Brandenburg ein Lern- und Orientierungsjahr mit starkem Bildungscharakter an. Es ist also vielmehr als ein Überbrückungsjahr für Menschen, die nach der Schule noch nicht wissen, was sie machen wollen. Das FSJ und der BFD sind bewährte Formate, eingebettet in über die Jahre weiterentwickelte Strukturen. Die Freiwilligen erwerben fachliche, soziale und persönliche Kompetenzen und erhalten Einblicke in vielfältige Berufsfelder im sozialen Bereich. Oft entstehen daraus Ausbildungs- oder Arbeitsverhältnisse oder zumindest die Gewissheit, welches Studium oder welchen Beruf sie ergreifen möchten.
Gleichzeitig profitieren Einsatzstellen wie Kitas, Pflegeeinrichtungen oder Rettungsdienste von der zusätzlichen Unterstützung, neuen Impulsen und dem frischen Blick der jungen motivierten Freiwilligen. Wir sprechen deshalb von einem „Gewinn hoch drei“: für die Freiwilligen, für die Einrichtungen und für uns als Gesellschaft.
„Ein Freiwilligendienst darf kein Privileg für jene sein, die es sich leisten können. Er muss allen jungen Menschen offenstehen – egal, welcher Herkunft.“
Was braucht es, damit Freiwilligendienste eine ebenso attraktive Option wie der Neue Wehrdienst sind?
Kristina Valente: Entscheidend ist eine auskömmliche Finanzierung – das fordern wir auch schon lange. Die Nachfrage ist hoch, aber es fehlen Plätze. Wir können also nicht allen jungen Menschen, die einen Freiwilligendienst machen möchten, einen Platz anbieten. Das ist sehr schade, denn es darf eigentlich nicht sein, dass wir Menschen, die sich freiwillig engagieren möchten, abweisen müssen. Es braucht also dringend mehr Mittel, damit Träger und Einsatzstellen ihre Angebote ausbauen können.
Genauso wichtig ist eine angemessene Vergütung des freiwilligen Engagements: Aktuell erhalten unsere Freiwilligen rund 350 Euro monatlich. Wir sprechen hier von „Taschengeld“. Das reicht oft nicht zum Leben, schränkt den Zugang ein und steht auch in keinem Verhältnis zu dem Wehrsold von 2.600 Euro.
Unser dringender Appell: Ein Freiwilligendienst darf kein Privileg für jene sein, die es sich leisten können. Er muss allen jungen Menschen offenstehen – egal, welcher Herkunft. Darüber hinaus braucht es dringend mehr gesellschaftliche Anerkennung, bessere Sichtbarkeit und perspektivisch ein Recht auf einen Freiwilligendienst. Wichtig ist außerdem, die bestehenden, bewährten Programme mit dem starken Fokus auf Bildung und Begleitung zu stärken, anstatt neue Parallelstrukturen aufzubauen.
Sollte der Neue Wehrdienst doch noch verpflichtend werden – was wäre bei der Einführung eines möglichen Wehrersatzdienstes („Zivildienst“) zu beachten?
Kristina Valente: Ein neuer Ersatzdienst darf auf keinen Fall eine simple Kopie des früheren Zivildienstes sein. Die Erfahrungen der Freiwilligendienste – insbesondere qualitativ hochwertige pädagogische Begleitung und Bildungsangebote – müssen miteinbezogen werden. Träger wie das DRK sollten frühzeitig beteiligt werden. Der sorgfältige Aufbau tragfähiger Strukturen braucht Zeit und Ressourcen.
Zudem darf ein Wehrersatzdienst nicht attraktiver sein als ein Freiwilligendienst – etwa durch bessere Bezahlung oder leichtere Verfügbarkeit. Das würde gewachsene Engagementstrukturen schwächen und könnte auch zu Ungleichheiten führen, etwa zwischen jungen Männern und jungen Frauen. Ganz wichtig ist aus Sicht des DRK auch zu betonen: Auf keinen Fall darf ein solcher Ersatzdienst soziale Berufe abwerten, indem Ersatzdienstleistende als günstige Arbeitskräfte missverstanden werden. Es muss klar sein: Es geht um qualifizierte Unterstützung und nicht um Ersatz für Fachkräfte.
Eingangs betonten Sie die Freiwilligkeit – warum ist die so zentral?
Kristina Valente: Freiwilligkeit ist der Kern von gewinnbringendem Engagement. Das sagen wir aus Erfahrung und natürlich auch mit Blick auf unsere Rotkreuzgrundsätze. Motivation, Qualität und gesellschaftlicher Mehrwert sind deutlich höher, wenn junge Menschen sich bewusst für einen Dienst an der Gesellschaft entscheiden. Diese intrinsische Motivation müssen wir stärker wertschätzen – auch finanziell – und politisch fördern. Freiwilligendienste sind ein wichtiger Baustein für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sie verdienen entsprechend Anerkennung und angemessene, verlässliche Rahmenbedingungen.
Zur Information:
Das Deutsche Rote Kreuz ist der größte Träger für Freiwilligendienste in Deutschland. Der DRK-Landesverband Brandenburg e.V. bietet allen, die sich sozial engagieren möchten oder nach der Schule Inspiration und Orientierung suchen, diverse Einsatzmöglichkeiten in den Formaten Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) und Bundesfreiwilligendienst (BFD) an: In den Einsatzstellen – gemeinnützige Einrichtungen wie Kitas, Pflegeeinrichtungen, Jugendclubs, Krankenhäuser, Wohnstätten für Menschen mit Behinderung oder Unterkünften für Geflüchtete – sammeln die Freiwilligen praktische Erfahrungen. Das Team Freiwilligendienste im DRK-Landesverband Brandenburg e.V. begleitet die Freiwilligen, unter anderem mit umfangreichen pädagogischen Angeboten.
Beim DRK-Landesverband Brandenburg e.V. waren im Jahrgang 2024/25 zwischen dem 1. September 2024 und dem 31. August 2025 durchschnittlich 81 Plätze im FSJ und 40 Plätze im BFD belegt. Den Freiwilligen standen rund 300 Einsatzstellen in ganz Brandenburg zur Verfügung.
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