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Mit diesen Hürden sehen sich geflüchtete Menschen mit Behinderung in Deutschland konfrontiert

DRK Projekt Geflüchtete mit Behinderung

Das DRK-Projekt „Bedarfserhebung von Geflüchteten mit Behinderung“ hat das Ziel, Bedarfe von Geflüchteten mit Behinderungen zu erfassen, die bisher nicht systematisch erfasst werden. Dabei sind sie eine besonders vulnerable Gruppe von Menschen, die aber bisher kaum wahrgenommen wird. Wolfram Buttschardt, Projektreferent Flucht und Behinderung im DRK-Landesverband Brandenburg, arbeitet am Projekt mit. Im Gespräch legt er dar, mit welchen Barrieren sich Geflüchtete mit Behinderung konfrontiert sehen – und warum die Vernetzung einzelner Akteurinnen und Akteure in Kommunen so wichtig ist.

Hallo Herr Buttschardt, neben den DRK-Landesverbänden Schleswig-Holstein und Westfalen-Lippe ist auch der DRK-Landesverband Brandenburg Teil des 20-monatigen Projekts „Bedarfserhebung von Geflüchteten mit Behinderung“. Wie ist es dazu gekommen?

Entscheidend war, dass bei der Planung des Projekts im Frühjahr 2020 alle drei Bundesländer über Erstaufnahmeeinrichtungen verfügten, in der das Deutsche Rote Kreuz im Auftrag der Länder aktiv gewesen ist. Außerdem ist es so, dass alle drei Bundesländer über Ballungsräume verfügen und Flächenländer sind. Insbesondere in Brandenburg müssen Geflüchtete oft große Entfernungen zurücklegen. Das kann schon für Geflüchtete ohne Behinderung eine Herausforderung sein – und für diejenigen mit einer Behinderung noch viel mehr.

Mit welchen Barrieren sehen sich Geflüchtete mit Behinderung konfrontiert?

Es gibt eine Reihe an Barrieren, die verdeutlicht, dass es sich bei geflüchteten Menschen mit Behinderungen um eine doppelt marginalisierte Gruppe handelt. Zum Beispiel die Barrieren aufgrund unklarer geteilter Verantwortlichkeiten, sodass Schnittstellen zwischen Flüchtlings- und Behindertenhilfe fehlen. Gleichzeitig gibt es Barrieren durch mangelnde Information und mangelnde (Schnittstellen-) Kompetenzen der Fachkräfte in Flüchtlingshilfe und Teilhabeberatung.

Außerdem existent: kommunikative und kulturelle Barrieren. Mal als Beispiel: Wenn ein Mensch mit Hörbehinderung aus Syrien in Deutschland ankommt, braucht es zunächst eine dolmetschende Person, die von der arabischen in die deutsche Gebärdensprache übersetzt. Dann wiederum gilt es, die deutsche Gebärdensprache ins gesprochene Wort zu bringen, damit eine Deutsche bzw. ein Deutscher ohne Hörbehinderung mit der Syrerin bzw. dem Syrer kommunizieren kann.

Genauso sind spezielle Sprachkurse für Geflüchtete mit Behinderungen sowie inklusive Integrationskurse nötig, in denen es herauszufinden gilt, was die geflüchtete Person mit Behinderung an Ressourcen mitbringt und welche Assistenz benötigt wird.

Wie viele Geflüchtete mit Behinderung leben in Deutschland, gibt es in Brandenburg?

Die Bundesregierung und die meisten Organisationen – so auch das DRK – gehen davon aus, dass zehn bis 15 Prozent aller Geflüchteten in Deutschland Menschen mit Behinderungen sind. Seit 2016 sind das schätzungsweise mehr als 216.000 Geflüchtete mit Behinderungen. 2021 waren es gerundet zwischen 19.000 und 26.000 Menschen bundesweit, in Brandenburg zwischen 800 und 1.500 Personen.

Wir arbeiten mit diesen Schätzungen, da eine bundesweite systematische Identifizierung nicht stattfindet. Damit sich das ändert, plädieren wir in der Projektgruppe dafür, geflüchtete Menschen mit Behinderung zu identifizieren, sodass bei allen weiteren Schritten im Asylverfahren darauf Rücksicht genommen werden kann. Sodass zum Beispiel eine Frau im Rollstuhl ein barrierefreies Zimmer in einer Gemeinschaftsunterkunft bekommt und ein blinder Mann genau in der Kommune landet, in der es Angebote für sehbehinderte Menschen gibt.

Wie lässt sich die Situation für Geflüchtete mit Behinderungen in Brandenburg beurteilen?

In den Erstaufnahmeeinrichtungen für geflüchtete Menschen, zum Beispiel in Wünsdorf und Doberlug-Kirchhain, ist es so, dass es barrierefreie Unterkünfte gibt und Betroffene diese zur Verfügung gestellt bekommen. Auch in der Erstaufnahmeeinrichtung in Eisenhüttenstadt gibt es ein Schutzhaus, in dem besonders schutzbedürftige Personen unterkommen. Das Land Brandenburg hat bereits ein Modell entwickelt, das Geflüchtete mit Behinderung als solche identifiziert. Bundesweit ist das aber bisher die Ausnahme statt die Regel. In der Mehrzahl der Bundesländer ist das bisher unbefriedigend gelöst. Dort gibt es meist noch kein Modell oder Verfahren, um Geflüchtete mit Behinderung frühzeitig als solche zu identifizieren.

Sie haben mit Geflüchteten mit Behinderung in Brandenburg über ihre Situation und Barrieren gesprochen. Wie haben die Personen die Gespräche wahrgenommen?

Es herrscht eine große Motivation unter den Geflüchteten mit Behinderung, weil sie genau wissen, was bei ihnen nicht und was gut geklappt hat. Mit diesem Wissen und ihrer Unterstützung können sie dazu beitragen, dass es anderen Geflüchteten mit Behinderung künftig besser geht und sie besser in Deutschland ankommen. Man darf nicht vergessen: Die große Mehrzahl der Geflüchteten – egal, ob mit oder ohne Behinderung – möchte so schnell wie möglich arbeiten, wenn sie in Deutschland angekommen sind. Sie wollen sich bei der deutschen Gesellschaft dafür revanchieren, dass sie in Deutschland ein neues Leben beginnen können, den Menschen etwas zurückgeben.

Das Projekt endet im April 2022. Welche Ziele hat sich die Projektgruppe bis dahin gesetzt?

Wir wollen verlässliche Daten über die Bedarfe von Geflüchteten mit Behinderung schaffen, aber auch Versorgungslücken und bestehende Probleme darlegen. Das Positive ist: Vor Ort in den Kommunen ist vieles bereits vorhanden. Nur, dass die Vernetzung der jeweiligen Bereiche noch deutlich verbessert werden müsste und sollte. Weiß die Migrationsberaterin, wer für die Beratung von Menschen mit Behinderungen in der Kommune zuständig ist? Weiß sie, mit welchem Aufenthaltsstatus von migrierten Personen welche Leistungen in der Eingliederungshilfe beantragt werden können? Zum Abschluss des Projekts wird es verschiedene Veranstaltungen in unterschiedlichen Formaten geben, in denen wir die Ergebnisse und Empfehlungen unseres Projekts vorstellen und diskutieren werden.

Lässt sich schon sagen, wie es nach dem Ende des Projekts weitergeht?

Wir wollen die Ergebnisse des Projekts in einem Projektbericht bündeln. Anschließend es ist unser Anliegen, diesen in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Es muss unser Ziel sein, dass die Ergebnisse bei Verantwortungstragenden wie Politikerinnen und Politikern, Ministerien und Kommunen ankommen und wir gemeinsam die Frage angehen, was aus den Projektergebnissen folgen kann. Wir schaffen mit dem Projekt derzeit eine Grundlage, damit sich künftig auch in der Praxis von Geflüchteten mit Behinderung in Deutschland etwas ändert. Wir wollen dazu beitragen, dass auch in diesem Bereich die Inklusion von Menschen mit Behinderung in allen Prozessen mitgedacht wird.

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