Digitalisierung Wofür wir stehen

Was bedeutet Digitalisierung in der Wohlfahrts- und Sozialarbeit?

Prof. Dr. Karin Weiss

Egal ob Videokonferenzen oder Online-Beratung, spätestens seit Beginn der Corona-Pandemie halten digitale Angebote Einzug in die tägliche Arbeit des Roten Kreuzes. Im Interview erklärt Prof. Dr. Karin Weiss, Vize-Präsidentin des DRK-Landesverbands Brandenburg, welche Chancen digitale Technologien für den Bereich der Wohlfahrts- und Sozialarbeit bieten und wie wir gemeinsam die Digitalisierung des DRK in Brandenburg gestalten können.

Worüber sprechen wir eigentlich, wenn wir von der „Digitalisierung“ der Wohlfahrts- und Sozialarbeit im DRK reden?

Der Begriff Digitalisierung ist ein sehr weiter Begriff und umfasst verschiedenste Bereiche. Das reicht von digitaler Datenerfassung, die breitere Anwendung von digitalen Kommunikationstechniken, bis hin zu digitalen Beratungsangeboten, wie sie z.B. im Bereich der Flüchtlingshilfe bereits bestehen.

Eine einheitliche Meinung dazu gibt es im Moment noch nicht, wohl aber einen Diskussionsprozess. Auch sind die Möglichkeiten und Bedarfe in Ortsvereinen Kreisverbänden oder im Landesverband des DRK sicherlich unterschiedlich. Es kann deshalb auch nicht den einen und einheitlichen Digitalisierungsprozess im DRK geben. Vielmehr müssen die unterschiedlichen Bedarfe, Chancen und Möglichkeiten berücksichtigt werden.

Der Begriff Digitalisierung ist ein sehr weiter Begriff und umfasst verschiedenste Bereiche.

Warum ist es so wichtig, die bestehenden Angebote des DRK zu digitalisieren bzw. durch digitale Angebote zu ergänzen?

Die Corona-Krise hat gezeigt, dass in Notsituationen Digitalisierung Möglichkeiten eröffnet, die sonst fehlen. Die zusätzlichen Kommunikationswege, die wir in dieser Zeit aus der Not heraus stärker genutzt haben, haben uns gezeigt, dass hier neue Wege offenstehen, die wir nicht nur vorübergehend, sondern kontinuierlich für den Ausbau und die Verbesserung unserer Arbeit nutzen können und nutzen müssen. Wir können neue Zielgruppen erreichen. Wir können viel mehr im ländlichen Raum tun, wo sonst die langen Wege die Arbeit erschweren. Online-Beratungsangebote können bisherige Beratungsformate ergänzen und die Angebote sowohl zeitlich als auch inhaltlich deutlich erweitern. Und nicht zuletzt muss man auch sehen, dass in allen gesellschaftlichen Bereichen die Digitalisierung vorangeht. Auch im Bereich des Katastrophenschutzes oder der Sozialen Arbeit. Wenn wir uns dem nicht stellen und uns hier weiterentwickeln, sind wir schnell abgehängt.

Für welche Bereiche unserer Arbeit bieten digitale Technologien die größten Chancen?

Durch digitale Techniken können wir kommunizieren, wo eine direkte Begegnung nicht möglich oder sehr aufwändig ist. Das spart zeitaufwändige Fahrwege und Kosten. Diese Erfahrung und der inzwischen vertrautere Umgang mit der nötigen Technik machen neue Formen der Kommunikation möglich. Sitzungen könnten künftig z.B. sowohl online als auch Präsenzformate verbinden, und so eine breitere Beteiligung ermöglichen.

Eine digitalisierte Verwaltung kann schneller notwendige Daten zur Verfügung stellen und entlastet Mitarbeitende.

In der Beratung können digitale Formate Lücken füllen und neue Zugänge zu Menschen bieten, die Beratung suchen. Digitalisierte Beratungsangebote können niederschwelligere Zugänge zur Beratung bieten, Scheu und eventuell bestehende Schamgefühle etwas abbauen. Sie sind nicht an bestehende Öffnungszeiten gebunden, sind auch da, wo Beratungsstellen gar nicht vorhanden sind.

Informationen können wesentlich schneller verbreitet und immer leicht und schnell aktualisiert werden. Ein gutes Beispiel dafür ist das Team Brandenburg, wo ich mich als interessierter potentieller Helfer online melden kann, ohne erst ein Büro des DRK aufsuchen oder mich an telefonische Sprechstunden halten zu müssen. Solche Angebote machen den Zugang zum DRK einfacher.

Durch digitale Techniken können wir kommunizieren, wo eine direkte Begegnung nicht möglich oder sehr aufwändig ist.

Stichwort „digitale Teilhabe“: Welche Herausforderungen und Risiken müssen wir beim Thema Digitalisierung auch im Blick haben und wie schaffen wir es, gemeinsam die Digitalisierung unseres Verbands zu gestalten?

Zum einen benötigt Digitalisierung die entsprechenden technischen Voraussetzungen, schnelles Internet und eine breite Versorgung mit den nötigen Geräten. Das kostet natürlich zunächst Geld, allerdings gibt es dafür auch Fördermöglichkeiten, die genutzt werden können. Und langfristig können durch Digitalisierung auch Kosten z.B. für Verwaltungsaufwand, Fahrt, Verpflegung usw. eingespart werden.

Auch müssen sowohl Mitarbeitende als auch Klienten und Kooperationspartner die nötigen Zugänge und das nötige Wissen haben. Da bestehen teilweise noch Ängste und Vorbehalte. Die müssen wir ernst nehmen und gemeinsam abbauen. Hier müssen wir Schulungen und Workshops anbieten. Durch Corona sind hier aber viele offener als vorher. So wurden z.B. im Pflegebereich und in der Altenhilfe während der Besuchsbeschränkungen neue digitale Wege eröffnet, um mit Verwandten und Bekannten zu kommunizieren. Das ist schon ein großer Schritt in die richtige Richtung.

Mit Blick auf die gesamtverbandliche Strategie des DRK-Landesverbands: Wie kann die Digitalisierung unserer Angebote in der Wohlfahrtarbeit dazu beitragen, unsere strategischen Ziele zu erreichen?

Angebote können digital auch dort genutzt werden, wo der Weg sonst zu weit wäre und eine Zugangsschwelle darstellt. Wir können also unsere Zielgruppen in der Fläche besser erreichen und Beratung auch dort anbieten, wo sie vorher nicht angeboten werden konnte. Digitale Angebote sind niederschwelliger und können im Sozialraum Menschen erreichen, die wir sonst nicht erreichen würden. Dies gilt genauso für die Gewinnung neuer Ehrenamtler. Für junge Menschen – und nicht nur für die –  ist der Umgang mit digitalen Medien und die Nutzung digitaler Kommunikationswege längst selbstverständlich, sie sind so leichter zu erreichen.

Auch die Kommunikation und Vernetzung innerhalb des Verbandes kann sich damit verbessern und intensivieren. Dies gilt insbesondere für den ländlichen Raum. Neue Kommunikationswege im Pflegebereich und in der Altenhilfe können soziale Kontakte zu den Familien und Freunden der Hilfebedürftigen erleichtern und somit einer Vereinsamung vorbeugen. Wenn durch digitale Kommunikations- und Verwaltungswege aufwändige Fahrzeiten wegfallen, können Mitarbeitende ihre Zeit stärker ihren eigentlichen Aufgaben widmen. Angesichts des – wachsenden – Personalmangels kann dies die Qualität der Arbeit sichern.

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