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„Irgendetwas fühlen“ – Erfahrungen aus der DRK-Drogenberatung Oberhavel

Photo by Jeremy Bishop on Unsplash

Nach über 25 Jahren Berufserfahrung als Beraterin im Berliner und Brandenburger Suchthilfesystem und Leiterin der DRK-Drogenberatung Oberhavel erlebt Andrea Wulsten nun eine Entwicklung in der jugendlichen Drogenszene, die sie so noch nicht kannte.

Woran denken Sie als erstes, wenn Sie den Begriff „Drogenmissbrauch“ hören? Kokain, Heroin, LSD? Oder die Frage, ob man Marihuana legalisieren sollte?

Andrea Wulsten hat als Beraterin in der DRK-Drogenberatungsstelle derzeit andere Sorgen, die Namen wie XanaX, Tilidin, Lyrica oder Ketamin tragen.

Neben den klassischen Drogen erleben starke Medikamente derzeit vor allem bei jugendlichen Drogenkonsumenten eine Renaissance. Warum? Weil die Konsumenten immer jünger werden und Medikamente leichter und kostengünstiger zu besorgen sind als klassische Drogen. Des Weiteren werden diese Substanzen genau wie klassische Drogen seit Jahren in der Deutsch-Rap-Musik intensiv besungen und erreichten somit einen Bekanntheits- bzw. Kultstatus bei probierwilligen Teenagern. Hören Kinder und junge Teenager täglich – mitunter stundenlang – deutsche Texte ihrer Idole, in denen der Konsum von Substanzen immer wieder besungen wird, entsteht für sie ein „Normalitätsstatus“.

Konsumenten werden immer jünger

Fünfzig Prozent der Klienten in der Beratungsstelle sind mittlerweile zwischen 12 und 17 Jahre alt, Tendenz steigend. Der Konsum beginnt häufig in der 7. Klasse mit Freunden und die Schulverweigerung folgt nicht selten. Als Reaktion auf diesen Trend leistete die Beratungsstelle in den vergangenen Jahren in Zusammenarbeit mit den Oberschulen in Oberhavel erfolgreich Präventionsangebote und Aufklärungsarbeit. Mit dem Corona-Lockdown brach diese Arbeit plötzlich und ohne Vorwarnung ab.

Das Resultat: Eine fehlende Kontrolle der Jugendlichen, die aus ihrem Alltag rausgerissen wurden und sich plötzlich oft einsam und verloren fühlten. Die Präventionsarbeit war dahin.

„Es geht heute vielen nur darum, irgendetwas zu fühlen, ganz gleich was es ist“, erklärt Andrea Wulsten.

Der daraus entstehende Teufelskreis ist beängstigend. Jugendliche fallen in ein Loch, doch wenn sie Drogen konsumieren, sind sie beschäftigt und sehen die Welt in einem anderen, besseren Licht. Die Realität wird trister erlebt, wenn sie wieder runterkommen. Das führt nicht selten dann zum erneuten Konsum, der häufig immer unkontrollierter wird.

Problemverstärker: Corona-Pandemie

„Mittlerweile sind gefährliche Mischkonsumformen von starken Medikamenten wie Tilidin oder Ketamin Gang und Gebe“, sagt Michael Alfs, der an der Seite von Frau Wulsten ebenfalls in der DRK-Drogenberatung als Berater arbeitet.

Früher wurden die eigenen Grenzen ausgetestet, heute wird wahllos konsumiert, oft ohne, dass die Jugendlichen überhaupt wissen, warum sie Drogen nehmen. Sie wissen nur, dass sie nicht aufhören möchten.

In der Corona-Krise gab es kaum Perspektiven für junge Menschen. Praktikumsplätze sind nach wie vor rar, Sportangebote fielen lange aus und fahren erst langsam wieder hoch. Durch gruppendynamische Prozesse in ihren Freundeskreisen sind in der Corona-Zeit selbst Jugendliche mit Drogen in Berührung gekommen, die sonst eine natürliche Angst vor Drogen hatten.

Eltern sind verzweifelt

Durch das Ausfallen des Schulunterrichts gab es bei Betroffenen eine hohe Auffälligkeit im Familienleben. Viele Eltern wandten sich hilfesuchend an Einrichtungen und Beratungsstellen. Das führte fast zum Kollaps im Jugendamt, im sozialpsychiatrischen Dienst, in den zugewiesenen Abteilungen der Ruppiner Kliniken und auch in der DRK-Beratungsstelle.

Die Eltern sind oft machtlos und verzweifelt. Es gibt derzeit Wartezeiten von 40 Personen für Entgiftungsbetten für Minderjährige in den Ruppiner Kliniken. Auch Berlins Entgiftungsbetten sind voll. Nur zwei von 37 Fällen finden einen Therapieplatz, doch selbst dann dauert eine Aufnahme bis zu neun Monate. Es gibt weder eine ambulante Reha im Landkreis Oberhavel noch eine Tagesklink für Minderjährige.

In den nächsten Jahren werden außerdem zunehmende Folgeerkrankungen durch den Drogenkonsum auf die Kliniken und Ärzte zukommen. Andrea Wulsten und ihr Team versuchen daher umso mehr, erste Abhilfe durch Beratungen zu schaffen. Und das auch mit Erfolg.

Erfolge trotz erschreckender Situation

„Ich hatte hier einen Jungen mit seinen Eltern zu sitzen, der mir ins Gesicht sagte, dass das einzige, auf das er sich am Tag freut, der Drogenkonsum ist“, erzählt Andrea Wulsten. Am Anfang sei das Verhältnis des Jungen zu seinen Eltern trotz des Konsums noch intakt gewesen, und die Zusammenarbeit zwischen ihm und der Beratungsstelle funktionierte gut.

„Doch dann nahm der Drogenkonsum exzessiv zu und damit auch die Begleiterscheinungen wie Diebstähle, Schulschwänzen, nächtliche Abgänge von zu Hause, extreme Stimmungsschwankungen und die ,Ausraster‘ zu Hause. Es folgten polizeiliche Auffälligkeiten und es lief darauf hinaus, dass der Jugendliche von zu Hause abhaute“, berichtet Wulsten weiter.

Doch nach den erschreckenden Entwicklungen nahm die Situation für den Jugendlichen glücklicherweise eine positive Wendung: „Nach ein paar Monaten meldete sich die Mutter bei mir und sagte, dass sie den Kontakt zu ihrem Sohn halten konnte und er nun bereit für eine Entgiftung sei. Glücklicherweise fanden wir einen zeitnahen Behandlungsplatz in einer Entzugsklinik. Während des Aufenthalts dort konnte der Jugendliche für eine stationäre Langzeit-Drogentherapie motiviert werden,“ so Andrea Wulsten.

Auch wenn die Schicksale mitunter traurig sind, birgt die Arbeit für sie und ihren Kollegen auch viel Freude und macht nach wie vor Spaß. Man muss die Leute dort abholen, wo sie stehen und sich auf sie einlassen, weiß Wulsten. Das erfordere mitunter viel Empathie und Geduld.

Generell sei die Voraussetzung für eine erfolgreiche Beratungs- und Vermittlungstätigkeit viel Engagement und Kreativität für individuelle Hilfestellungen und eine gute, verlässliche Vernetzung im Oberhaveler Hilfesystem. Dass eine solche empathische, kompetente und gut vernetzte Beratungsstelle viel bewirken kann, das zeigen Andrea Wulsten und ihr Kollege Michael Alfs mit ihrer Arbeit immer wieder.

2 Kommentare zu “„Irgendetwas fühlen“ – Erfahrungen aus der DRK-Drogenberatung Oberhavel

  1. […] „Irgendetwas fühlen“: Erfahrungen aus der DRK-Drogenberatung Oberhavel […]

  2. […] thematische Bandbreite der Anlaufpunkte reicht dabei von der Schuldner- und Insolvenzberatung, der Suchtberatung, der Erziehungs- und Familienberatung, bis hin zu Unterstützungsangeboten für Menschen mit […]

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